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Mai 2026 - Tanzensemble

Mai 2026 - Tanzensemble
BEGEGNUNG MIT DEM TANZENSEMBLE AM MITTWOCH, 6. MAI 2026, UM 19.00 UHR IM TANZHAUS KÄFERTAL

Die Mai-„Begegnung“ war dieses Mal zweigeteilt: Zunächst gaben Tanz-Intendant Stephan Thoss und Dramaturgin Susanne Wiedmann Einblicke in die neue Produktion „Wer darf hier Mann sein?“ und im Anschluss berichtete Ballettmeisterin Zoulfia Choniiazova über das Tanzprojekt „Lostanzen“. Aufgrund des engen Zeitplans vor der Premiere am 16. Mai waren die Tänzer*innen an diesem Abend leider nicht wie geplant zur Probe im Tanzhaus, sondern mussten kurzfristig zur Probe nach Franklin, so dass die Tanz-„Begegnung“ erstmalig ohne die Ensemble-Mitglieder stattfand. 

Der dreiteilige neue Tanzabend „Wer darf hier Mann sein?“ umfasst zwei Uraufführungen („I am the Orange Tree in my Head“ in der Choreografie von Arianna Di Francesco und „Postlude“ in der Choreografie von Tom Weinberger) und eine Neufassung (Mommy, Look!“ in der Choreografie von Imre und Marne van Opstal). Besonders erfreulich ist, dass mit Di Francesco ein Ensemblemitglied an der Seite der etablierten und international sehr gefragten Choreograf*innen etwas Neues mit der Tanzcompagnie erarbeitet. Sie und Imre van Opstal vertreten neben den beiden männlichen Choreografen die weibliche Sicht auf das Thema, die Frage nach Männlichkeit und auch Machotum, nach Rollenbildern und binärem Denken. Die Choreografie für fünf Männer und fünf Frauen ist kraftvoll und kämpferisch, voller heftiger und anstrengender Bewegungsabläufe, mit denen die Männer die Frauen konfrontieren. Die halten mit, stellen damit männliche Dominanz und geschlechtsspezifische Zuschreibungen in Frage. 

Stephan Thoss führt aus, dass im Tanz und im Theater insgesamt die Geschlechtszuschreibung durchlässiger sei als die gesellschaftlich üblichen Rollenvorgaben. Man denke nur an das Theater Shakespeares, wo Männer die Frauenrollen spielten. In manchen Stücken verkleideten sich die Frauen wiederum als Männer, dieses doppelte Verwirrspiel dürfte das Publikum sehr amüsiert haben.

Das kanonische Schrittmaterial des klassischen Balletts entwickelte der Sonnenkönig Ludwig XIV. (so genannt wegen der von ihm getanzten Rolle der Sonne in einem Ballett) nach den Maßgaben höfischer Verhaltensregeln. Alles Derbe, Grobe, Rohe war darin verpönt, Leichtigkeit und Grazie erwünscht. Repräsentation war beabsichtigt, was etwa die zum Kreis um den Kopf erhobenen Arme verdeutlichen: Sie fassen das Gesicht quasi in den Rahmen eines Porträts. Alles soll schön sein, virtuos und von Erdenschwere befreit. Stephan Thoss illustrierte seine Ausführungen mit den entsprechenden Posen und Schrittfolgen. Dieser von einem Mann gestaltete Bewegungskanon wurde später als feminin empfunden, es entwickelte sich daraus die Figur der klassischen Ballerina. Bald trug sie Spitzenschuhe und überwand damit endgültig die Erdanziehungskraft. Tänzerinnen dominierten das klassische Ballett, Tänzer leisteten eher Hilfsdienste bei ihrem Springen, Schweben und Drehen. Und Jungen im Ballettunterricht sind eher zur Einsamkeit verdammt, wie Thoss selbst weiß. Von seiner Leichtathletik und dem Fechten konnte er als Jugendlicher unbefangener berichten als von der Tanzausbildung. Auch Choreografinnen gab es bereits früh, die Coaches beim Training sind ebenfalls meist Frauen.

Die klassischen Balletthandlungen gleichen sich im Ablauf. Der erste Akt zeigt meist eine junge Frau in ihrer Lebenslust, die eine tödliche Kränkung erfährt. Im zweiten Akt ist sie in einer Art Anderswelt, weil verzaubert oder tot, und deshalb mitsamt ihren Gefährtinnen ganz in Weiß. Der Tänzer dagegen bleibt dunkel gekleidet, vor diesem Kontrast erscheint die Ballerina noch ätherischer. Erst Vaslav Nijinsky erreichte Anfang des 20. Jahrhunderts eine Erweiterung des klassischen Bewegungsrepertoires für Männer und damit deren größere Sichtbarkeit auf der Tanzbühne.

Bei Tom Weinberger, der aus Israel stammt, fließen die Spannungen aus dem Krisengebiet seiner Herkunft in die Arbeit mit den Körpern der Tänzer*innen ein, das Vokabular seiner Choreografie spiegelt diese Erfahrungen wider, unabhängig vom Geschlecht. Er will weniger beeindrucken, als einen Raum für Ausdruck schaffen. Aus dem Gefühl entwickelt sich die Bewegung.

Nach diesen Hintergründen zur nächsten Tanz-Premiere und einem unerwarteten, aber äußerst spannenden Überblick zur Ballettgeschichte, kamen wir zum zweiten Teil des Abends: dem Tanzworkshop „Lostanzen“. Ballettmeisterin Zoulfia Choniiazova erzählt zunächst, dass sie von der Resonanz auf den Aufruf „Der Tanzworkshop für alle ab 40, die mehr wollen, als nur zusehen“ überrascht wurden. Man hatte mit etwa 20 Interessierten gerechnet, es meldeten sich aber über 60 Tanzbegeisterte. Mit diesen erarbeitet Choniiazova nun seit Februar die Choreografien. Am 27. Juni findet im Tanzhaus die Premiere der Bühnenaufführung statt – weitere Vorstellungen sind am 3. und am 11. Juli.

Um die komplexe und lang andauernde Probenarbeit zu verdeutlichen, führte Choniiazova eine Tanzfigur vor und forderte dann die Anwesenden zur Nachahmung (im Sitzen) auf. Aus einem Heben beider Hände erwuchs ein Bewegungsablauf rund um Oberkörper und Kopf. Jede/r konnte erfahren, wie schwer es ist, ihn präzise, synchron mit den Anderen und im richtigen Tempo auszuführen, noch ohne musikalische Begleitung. Tanz kann nicht erklärt, er muss mit dem Körper erarbeitet werden. Eine Choreografie außerhalb des Kanons des klassischen Ballett erfordert sehr viel Arbeit am Detail, auch im Hinblick auf Kostüme und Licht. Denn der Aufführung bei „Lostanzen“ liegt ein Thema zugrunde, eine „Reise durch Deutschland“. 

„Wie werden Choreografien festgehalten?“, wollte jemand aus dem Publikum wissen. Sie werden filmisch aufgezeichnet. Als es diese technische Möglichkeit noch nicht gab, hielt eine komplizierte Bewegungsnotation die Abläufe fest. Sie beruhte auf einem System von fünf waagrechten Linien, in die mit Hilfe variabler Zeichen die Bewegungen auf den verschiedenen Körperhöhen eingetragen wurden. Eine präzise Wiedergabe von Drehungen, Schritten, Gebärden etc. war damit möglich, es war aber ein extrem langwieriges Verfahren. Entwickelt wurde es von Rudolf von Laban, der darüber hinaus eine Systematik aller Bewegungen erarbeiten wollte. Es gibt nach ihm nur zwei Impulse, einen zu etwas hin (terminal) und einen von etwas weg (initial), die mit gegensätzlichen „Energieladungen“ ausgeführt werden, ausgelöst von einem Motiv für die Bewegung. Diese Impulse sind gesetzt und brauchen nicht erlernt zu werden. Stephan Thoss begleitete seine Ausführungen mit lebhaft getanzten Beispielen und erntete dafür begeisterten „Szenen-Applaus“ vom Publikum.

 

Text: Luisa Reiblich

Bilder: Petra Eder