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März 2026 - Maria Helena Bretschneider und Boris Koneczny

März 2026 - Maria Helena Bretschneider und Boris Koneczny
BEGEGNUNG MIT MARIA HELENA BRETSCHNEIDER UND BORIS KONECZNY AM MITTWOCH, 11. MÄRZ 2026, UM 19.00 UHR IN DER LOBBY WERKHAUS

Christian Holtzhauer, Schauspiel-Intendant und der Moderator des Abends, begrüßte Maria Helena Bretschneider und Boris Koneczny und überließ dann mit der Aufforderung, frei zu assoziieren, dem Publikum die Eröffnung des Gesprächs: Dass „Alt und Jung“ hier zusammensäßen, war der erste Gedanke. Tatsächlich trennen vierzig Lebens- und Bühnenjahre Bretschneider und Koneczny, erstere ist in ihrem zweiten Jahr am NTM, letzterer hier seit 2014. Auch ihre Sozialisation könnte nicht gegensätzlicher sein, der ältere Schauspieler wuchs in Bochum auf, die junge Kollegin in Bautzen.
Gäbe es einen Ratschlag des sehr Erfahrenen an die Jugend? Eigentlich nicht, so Koneczny, denn die verschiedenen Lebensphasen bringen in diesem Beruf immer neue Rollen, die zu durchdringen sind, neu zu erlernende Techniken und auch ein wachsendes Selbstbewusstsein mit sich, diesen Reifungsprozess müssen alle für sich selbst durchlaufen, auch wenn die Jungen die Älteren dabei beobachten könnten.

Was findet Koneczny heute an den jungen Kolleg*innen überraschend? Die Angstfreiheit und das Schwinden der Hierarchien. In seiner frühen Zeit waren Schauspieler*innen, vor allem die an so renommierten Theatern wie dem Wiener Burgtheater engagierten, noch unnahbare Halbgötter und -göttinnen, selbst der Taxifahrer erstarrte in Ehrfurcht vor einem Schauspieleleven. Diese „pompöse Wertigkeit des Berufs“ ist verschwunden. Doch dafür gibt es Fortschritte in der schauspielerischen Technik und ein größeres politisches Bewusstsein beim Nachwuchs.
Nein, angstfrei sei sie nicht, betonte Bretschneider, doch sie will so weit wie möglich sie selbst sein. Überraschend beim Übergang von der Schauspielschule in Stuttgart zur praktischen Theaterarbeit war für sie die Vielfalt der Menschen und Haltungen, die eine Produktion bestimmen. Alles muss gemeinsam erarbeitet werden unter Berücksichtigung vieler Perspektiven.
Bretschneider selbst erweitert das Spektrum um etwas Einmaliges, denn sie ist „eine sorbische schwarze Frau aus dem Osten“. Als Hommage an ihre Heimat und ihre Familie trug sie ein sorbisches „Herbstlied“ vor, das in entscheidenden Momenten bei ihnen daheim gesungen wurde und „Schmerz mit Schönheit“ milderte. Sorbisch ist quasi ihre Muttersprache, in der sie auch ihre Ausbildung bis zum Abitur absolvierte.
Boris Koneczny durchlebte eine „anthroposophische Kindheit“ mit Waldorfschule und Cellospiel, er wollte ein „friedfertiger Mensch“ sein in einer Familie, deren Schicksal vom Krieg geprägt war: Der Vater und die Seinen kamen in den vierziger Jahren aus der Ukraine, wurden dann als deutsche Siedler nach Polen gesandt, von wo sie wiederum vor der russischen Armee zurück nach Deutschland fliehen mussten. Der Sohn ging mit 19 Jahren nach Wien und erlernte am Max-Reinhardt-Seminar die Schauspielkunst. Dem Abschluss folgte 1983 gleich ein Engagement am Wiener Burgtheater – „Ich hatte damals wohl eine Ausstrahlung, dass mich alle gleich haben wollten“, erläuterte Koneczny.
Um der Liebe willen wechselte er nach Berlin und kam bei Hans Neuenfels an der Freien Volksbühne unter. Der Druck auf dieses Theater war hoch, Neuenfels gab ihn an sein Ensemble weiter, viele Schauspieler*innen verließen das Haus. So auch Koneczny, nach einem geprobten Franz Moor, der aber nicht auf die Bühne gelangte, und einem von ihm verfassten Beschwerdebrief.
Als erster „Wessi“ ging er danach zum Berliner Ensemble, wo er bald „zwischen den Stühlen“ saß, weil ihm oft der Hintergrund fehlte, den ihm nur die historische Erfahrung der DDR hätte vermitteln können. Nach der Wende, die alle verunsicherte und Angst auslöste, arbeitete Koneczny in Freiburg und Stuttgart, seit zwölf Jahren gehört er nun zum Ensemble des NTM. Im Moment spielt er hier wieder den Faust; ob er je von dieser Rolle geträumt hätte? Nein, eher vom Onkel Wanja oder vom Hamlet, was beides bisher jedoch noch nie zustande kam.
Maria Helena Bretschneider hingegen wollte immer das Gretchen spielen, wie es ihre Großmutter, die ebenfalls Schauspielerin war, einst tat.
Eine Kostprobe des „Faust“ in leichter Sprache, wie er am NTM gespielt wird, gaben die beiden, die nur in diesem Stück zusammen auf der Bühne stehen, mit der Szene Faust-Gretchen in Marthes Garten.
Ein Teil des Dialoges ist original, ein größerer entspricht den Kriterien der leichten Sprache, die die Essenz eines Textes einfach ausdrücken will, in kurzen Sätzen, ohne Fremdworte und Kausalbeziehungen. Diese Fassung wurde an einer eigens dafür aufgesuchten Prüfgruppe erprobt und nach Anpassungen von dieser abgesegnet. Zur Einbettung des Textes in Spiel und Gestik setzte das Team Körperarbeit ein, was schließlich zur Entwicklung der Figuren der Naturgeister führte. Diese suchen sich die Personen aus, was den Agierenden schauspielerische Freiheiten ermöglicht.
Die Anthroposophen, warf Koneczny ein, hätten diesen Umgang mit Goethes Stück wohl nicht akzeptiert, da sie glauben, dass der Autor sich mit dem Werk die ganze Welt aneignen wollte, um sie so auf immer als geistiges Eigentum zu bewahren. Sie hätten eher ein „seelisches Theater“ darin gesehen, ohne einen körperlich-materiellen Anteil.
Das Goethe-Stück als Vorlage wurde deswegen gewählt, weil seine spezielle Herangehensweise an das Thema die Tragödie zutage bringt, das bietet der bloße Stoff des Dr. Faustus nicht. Die Problematik der Figur wird dank der leichten Sprache einem größeren Publikum vermittelt. Die Zielgruppe wird erweitert, indem man die Geschichte sehr verständlich erzählt und den Theaterraum für Begegnungen öffnet.
Die Kommentare aus dem Publikum zu dieser Fassung des „Faust“ umfassten Zustimmung und Ablehnung, wobei bei den Besucher*innen, die das ganze Stück bereits auf der NTM-Bühne gesehen hatten, die positiven Stimmen überwogen.
Als letzte künstlerische Darbietung las Boris Koneczny Passagen aus Hölderlins „Hyperion“, die den Schauspieler wegen des Zwiespalts von politischem und esoterischem Anspruch faszinieren. Die Worte drücken sowohl gegenüber der Natur als auch der Zivilisation eher Distanz aus, Verbundenheit kann nicht entstehen, nur Verzweiflung bleibt. Die leichte Sprache wird nicht helfen bei der Überwindung dieser Distanz, wie jemand aus dem Publikum vorschlägt, weil, erklärte Koneczny, der Hölderlin´schen Prosa ein griechisches Versmaß zugrunde liegt.
Zum Abschluss lud Christian Holtzhauer in die nächsten Schauspiel-Stücke ein – Bretschneider hat mit „Veritas: Eine Hexenjagd“ am 22. April im Studio Werkhaus Premiere – und beschloss den Abend.

Text: Luisa Reiblich

Bilder: Petra Eder