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Februar 2026 - Estelle Kruger

Februar 2026 - Estelle Kruger
BEGEGNUNG MIT ESTELLE KRUGER AM MITTWOCH, 11. FEBRUAR 2026, UM 19.00 UHR IM UNTEREN FOYER VON OPAL

Nach der Begrüßung durch Petra Eder begann der Abend gleich mit der fulminant vorgetragenen zweiten Arie der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“. Kruger, begleitet am Klavier von Studienleiter Gábor Bartinai, füllte den Raum mit gläsern-klirrenden Koloraturen und bewies damit, dass dies „ihre“ Rolle ist. Sie singt sie seit 25 Jahren und wird dies weiter tun, „solange es geht“. Moderator Albrecht Puhlmann verwies auf eine frühere „Begegnung“ mit der Sängerin vor gut 10 Jahren und auf die neuen Aspekte, die sich seit damals ergeben haben, auch für die komplexen Gefühle dieser Opernfigur, die Kruger am Ende dieser Spielzeit wieder einmal verkörpern wird.

Zum ersten Mal sang sie sie in Koblenz, wo sie quasi aus dem Chor heraus für die Rolle entdeckt wurde und sich mit ihr sofort ihren Rang als Solistin sicherte. Über die hohe Stimmlage verfügt sie von Natur aus, auch eine Schwangerschaft schadete nicht. Die sorgsam durch Arbeit bewahrte Höhe und gute Mittellagen ließen Kruger zur „ältesten `Königin der Nacht´ der Welt“ werden, die dennoch bei jeder neuen Produktion weiter an der Partie arbeitet. Diese umfasst ja nicht nur die Gesangsnummern, sondern auch Dialoge, die Übergänge dazwischen sind wichtig, um den Charakter der Person zu wahren.
Das Leben mit dieser Opernfigur, erzählte die Sängerin mit Charme und Humor, war geprägt von vielen Gastspielen und Umzügen, in Zeiten ohne festes Engagement war die „Königin“ sogar eine finanzielle Stütze.
Kruger ist seit der Spielzeit 2013/2014 am NTM, auch als gefeierte Belcantistin. Sie ergreift gerne die Initiative bei der Wahl ihrer Rollen und schätzt sich glücklich, schon zu Beginn ihrer Laufbahn das richtige Fach für sich gefunden zu haben, das des lyrischen Koloratursoprans. Dies ersparte leidvolle Experimente und führte zur Erarbeitung der jeweils zur Stimme passenden Partien. Denn diese ändert sich alle fünf Jahre, die Stimmbänder müssen dann durch Arbeit wieder angepasst werden. Der nicht adäquate Zustand einer Stimme für eine bestimmte Rolle lässt sich an Warnsignalen wie etwa Müdigkeit ablesen. So führt jede gesangliche Herausforderung zu einer Abwägung der eigenen Möglichkeiten. Dieser professionelle und sehr überlegte Umgang mit ihrem „Material“ bescherte Estelle Kruger eine internationale, glanzvolle und solide Karriere.
Die Pandemie raubte ihr zunächst die „Norma“ am NTM, aber 2020 war es dann soweit und sie übernahm die Titelpartie. Sie erzählt, dass es gedauert hat, bis sie überzeugt war, dass die Rolle für sie passte, und ergänzt dass das Mannheimer Bühnenbild mit seiner Geschlossenheit dem Gesangsvortrag auch sehr förderlich gewesen sei.
Dafür wurden zusammen mit der Intendanz neue Ideen entwickelt, aktuell kann das Mannheimer Publikum Kruger als „Lucrezia Borgia“ erleben. Wie die „Königin“ ist auch Lucrezia eine Mutter, die ihr Kind verliert. Bei der Gestaltung der Rolle half es der Sängerin, zu wissen, dass die historische Lucrezia nicht ganz so mörderisch war, wie bei Donizetti dargestellt.
Mit der diffizilen Auftrittsarie der Lucrezia nahm Kruger das begeisterte Publikum mit in die Erarbeitung dieser Inszenierung. Das gute Einvernehmen mit dem Dirigenten Roberto Rizzi Brignoli half bei der Bewältigung manch szenischer Kniffligkeit, zum Beispiel beim Umgang mit dem Auftrittsgewand, dessen Schleppe nichts weniger als die gesamte Bühnenbreite einnimmt. Bei der Gestaltung der Gewänder und Masken galt auch das Votum der Sängerin, ein allzu freizügiges Kleid wurde nach Rücksprache mit der Kostümbildnerin eleganter, eine zu geschlossene, beengende Maske den Notwendigkeiten des Singens angepasst. Die Besetzung einer Rolle sollte die Entwürfe bestimmen, denn, so Kruger, „man singt besser, wenn man gut aussieht“. Über einschlägige Erfahrungen verfügt sie dank ihrer Mutter, die anfangs ihre Konzertkleider genäht hat.
Im Elternhaus hörte sie bereits mit Gänsehaut Opernschallplatten, der Berufswunsch Opernsängerin schien erfüllbar, denn sie verfügte über stimmliche Höhen. Die fürsorglichen Eltern bestanden jedoch zuerst auf dem berüchtigten „praktischen Beruf“, so wurde Estelle Grundschullehrerin. Mit 19 Jahren veränderte sich ihre bis dahin wie ein Knabensopran klingende Stimme derart, dass eine Opernausbildung in Frage kam. Die Eltern lieben ihre Sangeskunst und kommen auch immer mal wieder hierher, um ihre Auftritte mitzuerleben. In Pretoria sang Kruger für kurze Zeit im Ensemble, wobei sie ihrem Mann, dem dem Mannheimer Publikum ebenfalls bekannten Bariton Jaco Venter, begegnete. Er studierte dort Schauspiel, vor nunmehr 26 Jahren heirateten sie und verfolgten ihre Opernkarrieren, obwohl es nur zu wenigen gemeinsamen Auftritten der beiden kam. In Krugers Geburtsland Südafrika gibt es wenig Theater, so ging sie für ihren Master nach San Francisco. Venter lebte derweil in London. Beide sind sehr pragmatisch und besserten ihre mageren Anfängergehälter mit Nebenjobs auf, etwa durch Agenturtätigkeiten oder auch Popcorn-Verkauf. In Amerika lernte Kruger, wie man sich präsentiert, doch als beiden der Sprung in den deutschen Opernbetrieb gelang, empfanden sie es als Glück, wie, so sagte sie, heil durch eine „Wurstmaschine“ gekommen zu sein.
Amerika war die Inspiration zu einem musikalischen Seitensprung: Kruger hört privat kaum Musik, aber sie schätzt Country Music zum Entspannen und nun überraschte sie das Publikum mit dem extra für die „Begegnung“ eingeübten Song „Blue Eyes crying in the Rain“ mit eigener Gitarrenbegleitung.
Diese Art des Singens schafft für sie auch eine Verbindung zu ihrer Heimat Südafrika, die sie liebt und wo sie sich wohl fühlt. Sie stammt aus Pretoria, ihr Mann von einer Farm mit Pferdezucht in Bloemfontein . Der Traum von beiden wäre, ihr Leben zwischen dort und hier aufzuteilen. So beschloss Estelle Kruger denn auch mit einem Walzerlied aus Südafrika voller Leichtigkeit und Schwung den musikalischen Reigen des Abends.
Doch vorerst ist sie hier und voller Pläne. Am 13. März 2026 wird sie in „Szenen einer Ehe“ mitwirken, einer von Ensemblemitgliedern aus dem Repertoire des NTM entwickelten Bilderfolge. Die nächste Spielzeit bringt ihr eine neue Belcanto-Rolle, die Maria in „Maria Stuarda“ von Donizetti, die ihr Entwicklungsmöglichkeiten hin zu einer „größeren Schuhgröße“ bietet.
Albrecht Puhlmann bedankte sich bei allen Beteiligten und beendete den Abend.

Text: Luisa Reiblich

Bilder: Petra Eder