Dezember 2025 - Annabelle Leschke und Mascha Luttmann
BEGEGNUNG MIT ANNABELLE LESCHKE UND MASCHA LUTTMANN AM MITTWOCH, 17. DEZEMBER 2025, UM 19 UHR IN DER LOBBY WERKHAUS
Nach der Begrüßung und dem Hinweis auf die „Begegnung“ mit dem Tanz mit Probenbesuch am 21. Januar 2026 übergab Petra Eder das Wort an Schauspiel-Intendant Christian Holtzhauer, den Moderator des Abends. Er stellte Annabelle Leschke und Mascha Luttmann vor, zwei der vier Dramaturginnen im Schauspiel.
Annabelle Leschke ist seit 2018 am Haus und damit die Dienstältere der beiden. Ihr aktuelles Projekt ist „Hamlet“, vorherige waren unter anderem „Die Nacht von Lissabon“, „Felix Krull“, „Der zerbrochene Krug“ und „Fragment Felix“ in der Kunsthalle. Leschke wurde in Marburg geboren, wuchs in Düsseldorf auf und legte in Stuttgart die Reifeprüfung ab. Dem Studium der Theaterwissenschaft, der Sozialpsychologie und des Medienrechts in München folgte von 2011 bis 2013 der Master in Dramaturgie an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg. Leschke arbeitete am Staatsschauspiel Stuttgart, wechselte dann nach Kassel und von dort nach Mannheim.
Mascha Luttmann ist seit der Spielzeit 2023/24 am NTM und verantwortete hier unter anderem die Reihe „Das Haymatministerium“, „Queer Doc“, „Faust“, „Endspiel“ und zuletzt „Miss Sara Jevo“. Geboren in Braunschweig, ging sie für das Studium von Theater- und Literaturwissenschaft sowie Philosophie nach Berlin und Lyon und für den Masterabschluss in Dramaturgie nach Hamburg. Dort, in verschiedenen Institutionen in Berlin und bei den Nibelungenfestspielen in Worms sammelte sie erste Erfahrungen.
Bei beiden Dramaturginnen weckten ihre ersten Einblicke sowie viele Theaterbesuche bereits im Kindesalter den Wunsch, dauerhaft an einem Theater zu arbeiten. Denn die dramaturgische Arbeit bietet große kreative Möglichkeiten sowohl für den Einzelnen als auch für das Agieren im Team. Sie umfasst die Erarbeitung des Spielzeit-Programms, die Auswahl von Stoffen und Stücken, die Textarbeit an diesen und die Begleitung einer Produktion von der Konzeption über die Rekrutierung der Mitwirkenden ̶ Regisseur*in, Schauspieler*innen, Kostüm- und Bühnenbildner*innen und so fort ̶ bis zur Premiere. Dazu kommen noch die Betreuung des Ensembles und die Arbeit für die Vermittlungsmedien, wie das Schreiben der Texte für die NTM-Homepage, die Gestaltung des Programmhefts und die Organisation von Veranstaltungen für das Publikum, wie zum Beispiel die Einführungen vor den jeweiligen Vorstellungen.
Vieles davon ist temporär, weil an eine bestimmte Produktion gebunden. Doch Dramaturg*innen sind die im Hintergrund wirkenden Konstanten an einem Theater. Denn seit G.E. Lessing, dem ersten ausgewiesenen Dramaturgen, hat sich der Beruf, den es übrigens nur an deutschsprachigen Theatern gibt, sehr verändert. Jetzt sind Dramaturg*innen beteiligt an den großen Programmlinien eines Hauses, an der Art, wie es sich präsentiert, und manchmal setzen sie auch Grenzen.
Im Vergleich zur „eher langweiligen Arbeit“ beim Fernsehen ist die beim Theater lebendiger, bietet mehr Raum für Experimente. Der monatelange Vorlauf bis zu einer Premiere, die lebhafte Kommunikation aller Beteiligten miteinander und die Probenzeit erlauben eine bessere künstlerische Entfaltung und Gestaltung.
Die Stoffauswahl richtet sich auch nach persönlichen Vorlieben, die in einem Team unterschiedlich sind, dies fördert die Vielfalt. Des weiteren ist die grundsätzliche Ausrichtung des Hauses bestimmend, was alles zusammen zu einem abwechslungsreichen Programm führen soll, das sowohl Klassiker als auch Neuheiten umfasst und möglichst die Diversität der Stadtgesellschaft spiegelt.
Da im Theater, warf Holtzhauer ein, die Gesellschaft die Regeln ihres Funktionierens untersucht, spielt die Frage nach Aktualität und Dringlichkeit bei der Stückauswahl eine Rolle. Dazu kommen natürlich noch praktische Gesichtspunkte wie die Auslastung der Schauspieler*innen, die Finanzierbarkeit oder die Gegebenheiten des Hauses: Es gibt am NTM drei Probebühnen, also können maximal drei Produktionen gleichzeitig erarbeitet werden.
Das Publikum wurde zu Fragen ermuntert, eine erste war die nach einem eventuell nötigen Literaturstudium. Beide Dramaturginnen hatten auch, zumindest im Nebenfach, Germanistik belegt, doch darin fehlte ihnen der praktische Bezug, den das Theater bietet. Zu ihrem Beruf führt kein klassischer Bildungsweg, vieles ist learning-by-doing.
Als Beispiel für die konkrete Arbeit trug Leschke eine Textpassage aus „Hamlet“ in zwei Übersetzungen vor, einer modernen und der Schlegel-Tieck`schen, und erläuterte, warum sie sich für die aktuelle Mannheimer Inszenierung für die ältere Übersetzung entschieden hat: Sie ist präziser und betont mehr die Kriegsvorbereitungen im Lande Dänemark, in die der Titelheld gerät.
Luttmann las eine Passage aus „Die Freiheit einer Frau“ von Édouard Louis und danach deren szenische Umsetzung als Dialog für die Bühnenfassung des Romans vor, die am 21. Februar 2026 Premiere haben wird.
Eine weitere Publikumsfrage bezog sich auf den Einfluss der Sparmaßnahmen auf die dramaturgische Arbeit. Den gibt es in vielfacher Weise, und die Bemühungen um das Publikum werden verstärkt. Schließlich ist die Konkurrenz der Erzählformen seit Lessing enorm gewachsen, das Theatererlebnis muss so beschaffen sein, dass es gegen sie besteht. Die Zielgruppenansprache wird erweitert werden. Auch die Eigenfinanzierungsquote des Hauses soll steigen. Die Devise „Durchhalten, Zusammenhalten und Erhalten“ bestimmt die Arbeit. Rückmeldungen aus dem Publikum betonten die nach wie vor große Erlebnisqualität eines Theaterabends, trotz aller Veränderungen oder auch Einschränkungen.
Petra Eder bedankte sich bei Annabelle Leschke und Mascha Luttmann sowie dem Moderator für die fundierten Einblicke in die dramaturgische Tätigkeit.
Text: Luisa Reiblich
Bilder: Petra Eder


